Lebendig, intensiv und spannungsreich


mittelbayerische.de / 16.04.2018

Eine Ausstellung zeigt Werke eines zu Unrecht vergessenen Künstlers: Gerhart Heins Bilder galten zur Nazizeit als „entartet“. Von Ulrich Kelber

Künstler der „verschollenen Generation“: Damit sind Maler und Bildhauer gemeint, deren verheißungsvoll begonnene Karrieren durch die Zeit des Nationalsozialismus jäh unterbrochen wurden, deren Werke als „entartet“ diffamiert wurden. Ihre Tragik war, dass sie nach 1945 nicht einfach an die früheren Erfolge anknüpfen konnten, sondern ihnen die eigentlich verdiente Anerkennung versagt blieb.

Einer dieser Künstler, deren Werk erst jetzt wieder entdeckt und gewürdigt wird, ist der 1910 in Breslau geborene und 1998 in Rummelsberg bei Nürnberg verstorbene Maler Gerhart Hein. Jüngst widmete ihm die Salongalerie Möwe in Berlin, die darauf spezialisiert ist, „zu Unrecht vergessene Künstler“ der klassischen Moderne neu in den Blickpunkt zu rücken, eine Ausstellung. Neben Werken von Hein waren hier auch Arbeiten seiner Lehrer an der Breslauer Akademie zu sehen, darunter Otto Mueller, Johannes Molzahn und Oskar Moll. ... (>> den ganzen Artikel lesen Sie hier als PDF)





Maler der »verlorenen Generation«

neues-deutschland.de / 24.01.2018

Gerhart Hein und seine Breslauer Lehrer in der Salongalerie »Die Möwe«. Von Klaus Hammer, neues-deutschland.de

1929 nahm Otto Mueller, einstiger Vertreter des »Brücke«-Expressionismus, begeistert von einer Porträtzeichnung, den 19-jährigen Breslauer Gerhart Hein in seine Malklasse der Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau auf. Dieser besuchte dann aber auch die Klassen von Alexander Kanoldt, einem der wichtigsten Protagonisten der Neuen Sachlichkeit, Oskar Moll, einem Schüler Henri Matisses, Johannes Molzahn, der an der Gründung des Bauhauses in Weimar beteiligt war und sich in den zwanziger Jahren der abstrakten Malerei annäherte, Carlo Mense, Maler des rheinischen Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit, sowie Oskar Schlemmer, der erst 1929 vom Bauhaus Dessau nach Breslau gekommen war.

Hein lernte also die ganze Palette der zeitgenössischen Kunst kennen. 1932 wurde die Akademie geschlossen; Hein gehörte zu den wenigen, die noch ein Jahr im Meisteratelier von Johannes Molzahn arbeiteten ... (>> den ganzen Artikel lesen Sie hier als PDF)




Grußwort von Frau Prof. Dr. Kornelia von Berswordt-Wallrabe (ehemalige Landesmuseumsdirektorin am Staatlichen Museum Schwerin)

Anlässlich der Vernissage in der Salongalerie "Die Möwe" am 18. Januar 2018, Berlin


Sehr geehrte Frau Wall,

meine sehr geehrten Herren und Damen,

vielen Dank für die Einladung, heute in der Salongalerie Möwe zu sprechen.

Ich bin der Einladung gern gefolgt, denn ich kannte nur wenige Arbeiten von Gerhart Hein, obwohl wir 2002 in Schwerin eine große Ausstellung zur Breslauer Kunstakademie ausgerichtet haben. Darin ging es - leider wie so oft - vor allem, um die Lehrer der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau.

Anlässlich dieser schönen und umfangreichen Ausstellung von Gerhart Hein - heute - haben wir nun die wundervolle Gelegenheit, auch Werke seiner Lehrer und Begleiter wiederzusehen oder kennenzulernen.

In der Beschäftigung mit den Arbeiten Heins besticht ihre Klarheit und ihre Struktur und in den von ihm entwickelten Farb-Form-Konstruktionen finden sich Besonderheiten, die bei den jungen Künstlern der Nachkriegszeit in den 50er-Jahren, so nicht zu finden sind.

Die materialgebundenen, ja existentiellen Schlüsse, die er in der Auseinandersetzung mit der Kunst seiner Zeit zieht, bringen Konstellationen und Darstellungsweisen zur Anschauung, die andere Bildlichkeiten entwickeln, als etwa den Bruch mit der Gegenständlichkeit.

Zudem bezieht sich die Ausstellung ausdrücklich auf die bild-künstlerische Arbeit an der Breslauer Akademie zwischen 1928-1932.

An der Breslauer Akademie, die 1911 aus der 1791 gegründeten Königlichen Kunst- und Kunstgewerbeschule hervorgegangen ist, wurde Architektur, Angewandte Kunst mit den Schmuck-, Textil- und Metallwerkstätten, Bildhauerei, sowie Malerei, Zeichnen und Grafik gelehrt. Werke ihrer Lehrer und Studierenden finden sich auch in Berlin und wirken bis heute - zum Teil in die Welterbe-Liste der UNESCO aufgenommen - in die Entwicklungen neuer Kunst- und Architekturentwürfe hinein. Ein Beispiel dafür ist etwa Hans Scharoun, der als Planer der Siemensstadt 1929 - 31 und auch als Architekt selbst einige Bauten oder die unvergleichliche Berliner Philharmonie, realisiert hat.

Meine Damen und Herren, nicht zuletzt daran zeigt sich das hohe Niveau in dem an der Breslauer Kunstakademie gearbeitete und gelehrt wurde.

Bei der Erarbeitung der großen Übersichtsausstellung zur Breslauer Kunstakademie 2002 in Schwerin war uns wichtig, die Arbeiten ihrer Lehrer und Studierenden im kollektiven Bewusstsein der Bundesrepublik neu zu verankern und ihre konzeptuelle Nähe zum Bauhaus und zu den anderen bedeutenden deutschen Kunstakademien der Zeit, transparent werden zu lassen. Dazu gehörte, dass die Ausstellung anschließend im Nationalmuseum Wroclaw/Breslau gezeigt wurde, um auch hier das vorhandene Wissen über die gemeinsame Geschichte in unseren Ländern wirksam werden zu lassen.

Gerhart Hein, 1910 geboren, hatte den Berufswunsch Baumeister zu werden.

Um sich von der Pieke auf auszubilden, erlernte er das Handwerk des Maurers und schloss nach dreijähriger Lehrzeit 1928 mit der Gesellenprüfung ab. Schon während seiner Gesellenjahre besuchte er die Städtische Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Breslau. Die Voraussetzung für die Aufnahme zum ganztägigen Besuch der Schule war eine mindestens zweijährige Berufstätigkeit, die nun keine Hürde mehr darstellte und so war er ab April 1928 - ganz seinem Wunsch entsprechend - Vollschüler der Abteilung Malerei bei Ludwig Peter Kowalski. Der war selbst zehn Jahre lang Student der Breslauer Kunstakademie gewesen.

Bei einem Atelierbesuch fiel Otto Mueller „1929 eine Porträtzeichnung des Eleven Gerhart Wilhelm August Hein auf, der Unterricht bei Muellers Malerfreund Kowalski nahm. Begeistert von dem was er sah, sorgte Mueller umgehend dafür, dass Hein zum Sommersemester in seine Fachklasse kam, ohne die sonst übliche Aufnahmeprüfung und den obligatorischen Besuch der Vorklasse“ an der Akademie zu absolvieren.

Otto Mueller hatte anlässlich seiner ersten Einzelausstellung 1919 bei Bruno Cassirer in Berlin seine Arbeit als den Wunsch beschrieben: “mit größter Einfachheit Empfindungen von Landschaft und Mensch auszudrücken.“ Und in seinem Unterricht galt: „Wenn Sie Aktzeichnen können, können Sie alles zeichnen: Bäume, Frösche, Grillen“.

In Bezug auf die heute erhaltenen Nachkriegsarbeiten Gerhart Heins ist m. E. neben dem tiefen Eindruck Otto Muellers mindestens eine weitere Prägung virulent: diejenige Oskar Molls. 1918 waren die damals bereits für die Abstraktion offenen Maler Otto Mueller und der ehemalige Matisse-Schüler und spätere Direktor der Akademie, Oskar Moll nach Breslau berufen worden. Zwischen 1929 und 1932 besuchte Gerhart Hein deren Mal- und Zeichenklasse und an der Akademie verpflichtend, auch die Klassen von Johannes Molzahn, Alexander Kanoldt und Carlo Mense. Seine überlieferten Zeichnungen legen jedoch nahe, dass sich Gerhart Hein auch mit der Arbeit von Paul Holz dem Breslauer Meister der Zeichenklasse intensiv auseinandergesetzt hat.

Zur Zeit der Schließung der Akademie 1933 ist Gerhart Hein voll ausgebildeter Maler und 23 Jahre alt. Seine Arbeiten waren bis dahin in wenigen Ausstellungen vertreten gewesen.

Im Dezember 1933 zeigte das Schlesische Museum der bildenden Künste die Ausstellung „Kunst der Geisteshaltung 1918 – 1933. Sie erwies sich später als Vorläufer der berühmt-berüchtigten Ausstellung „Entartete Kunst“ in München 1937.

In der – schier unfassbaren Zahl von 16.000 beschlagnahmten Werken allein im Breslauer Museum - finden sich, als zweite Erfassung „der Bilder entarteter Kunst“ 1937 nachweislich 64 Werke von Lehrern und Schülern der Akademie, darunter die Nr. 28, ein Stillleben von Gerhart Hein.


Als die Akademie im Juli 1933 endgültig geschlossen wird haben Gerhart Hein und seine Kommilitonin und Ehefrau, Elisabeth, Breslau bereits in Richtung Riesengebirge verlassen. Und dort übernimmt Gerhart Hein, nach verhängtem Malverbot der Nationalsozialisten, ähnlich wie Hermann Glöckner im Sächsischen, baugebundene Aufgaben, um den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu bestreiten. Der Krieg führt ihn in den Osten. Nach Verletzungen und englischer Gefangenschaft findet er 1947 seine geflüchtete Familie in der Nähe von Nürnberg. Seine gesamten Arbeiten aus der Vorkriegszeit sind verloren.

Meine Damen und Herren,

ein derart harter Bruch nach einem so hoffnungsvollen Beginn verursacht zwangsläufig ein tiefgreifendes Trauma, von dem Gerhart Hein als „verbotene Zeit“, auch später, selten sprach. 1949 erhält Hein eine Anstellung als Zeichner und Gestalter bei den Labor Service Centers der USA in Nürnberg. Sie umfasste die Leitung aller vor Ort erstellten Publikationen, Druckschriften, Plakate für Veranstaltungen oder Kinovorführungen und bis 1955 die Verantwortung für 150 Mitarbeiter.

Hier werden nach seinen Entwürfen für die Labor Service Centers Um- und Wiederaufbauten in Nürnberg realisiert. Gleichzeitig verfügt der leidenschaftliche Maler nun über die notwendige Zeit sein unbändiges Interesse an der Malerei zu stillen und das eigene Werk konsequent weiter zu entwickeln.

Schon unmittelbar nach dem Krieg verwendet Hein starke, ungemischte Farben. Seine Aquarelle lichtdurchdrungener Landschaften schöpfen ihren besonderen Reiz vor allem aus dem Kontrast der Primärfarben in Abstufungen und der Intensität ihres Auftrages. Flächen, Grenzen, Linien des jeweils landschaftlichen Raumes sind einzig in lichter Farbe ausgeführt.

Ab 1951 rückt Hein das gewählte Sujet nun beinahe unmittelbar ins Bildfeld. Seine Ränder werden von den Bildgrenzen hart überschnitten. In diesen Arbeiten bricht sich die Einsicht Bahn, dass der Blickpunkt des Auges den Standpunkt des Malers referiert. Die Arbeiten zeigen die Dinge im Fokus des Auges: Überlagert, überschnitten, facettiert.

Die flächenhaft ausgeführten Linien gewinnen an Bedeutung. Sie bleiben farbig, aber verlieren nach und nach die Funktion, ein Ding oder eine Landschaft zu bezeichnen. Die Linien werden – neben den vielen verschiedenen unterliegenden Farbefeldern - zum Träger und Hauptelement der rhythmisierten Bildräume und Konstruktionen. Gerhart Hein verdichtete sie im Raster und systematisiert sie zu Progressionen. 

Beispielhaft dafür stehen seine starken Arbeiten zwischen 1957 bis 1962.

Dazu schreibt er – ganz auf der Höhe der Kunstdiskussion seiner Zeit: “… es (handelt) sich um die aktuelle Ausformung der schon lange bestehenden geometrisierenden Abstraktion wie bei (Josef) Albers, oder (Frantisek) Kupka“ … „und hält sich in weiter Entfernung von der informellen Malerei... Zugleich erwachen im Bewußtsein des Betrachters Anspielungen auf Molekulares und Kristalin(isch)es, die Kunst schlägt industrie-technische Assoziationen an. Das Bild, das an photographierte Kristallgitter erinnert, bezieht sich auch auf eine abstrakte, mehrfach gebrochene, in keiner Weise mehr direkte Naturerfahrung. Es entspricht etwa der Morseschrift, die sich auf Gebrauchsschrift bezieht, die sich auf Sprache bezieht. Und endlich sind diese Bilder selber „imaginäre Substanz“...“

Und weiter:

„So wird heute die „Natur“ das Nichtgeplante, Unkontrollierbare und Hinzunehmende: Der Krankheitsherd, der Verkehrsunfall, die Unzuverlässigkeit des Wetters. Und tatsächlich gibt es zwei Stellen, an denen so etwas optisch aktuell wird: im Vernachlässigten, Verrosteten und in den Konfinien der Molekularbestände. Folglich vollzieht die Malerei von innen her eine Annäherung an diese Evidenzen, wenn das Bild zu einer fiktiven Substanz wird. … Die Industriewelt gilt mit Recht nicht als darstellungsfähig; aber indem die Kunst sich von ihr abwendet, beweist sie zugleich die Abhängigkeit des zeitgenössischen Künstlers von ihr, und was dort an den Rändern und Hintergründen erscheint, besetzt die Mitte des Bildes.“

„Hier nun entsteht die „Sinnfrage“ laut Hein. Sie liegt „in den Erwartungen einer Gesellschaft, die im Strom der Neuerungen, … in die Zukunft gerissen wird.“ Daraus folgt “..die Dynamisierung des Bildes, die es unmöglich macht, sich in ihm niederzulassen – es soll unseren Lebensrhythmus teilen. (G. Hein, S.22)

Meine Damen und Herren,

In den wertvollen Reflexionen zur Malerei nach dem Krieg hat Hein eine Diskussion referiert, die das grundlegende Verhältnis von Kunst und Gesellschaft bis heute kennzeichnet:

Die Ausdrucksformen der Kunst, der Malerei, der Skulptur, ändern sich in dem Maße, wie sich die Gesellschaft verändert. Wo die Kunst diese Veränderungen nicht reflektiert und spiegelt, verkommt sie zur reinen Dekoration.

Dagegen erweisen sich seine Arbeiten als ideale Mittler zwischen etwa den Strukturalen Konstellationen der Bauhaus-Zeit von Josef Albers in den 20er-Jahren und den Nachkriegsjahren mit ihren Tendenzen der ungegenständlichen Kunst.

In dem Versuch der Analyse nach dem verheerenden Krieg, die möglichen neuen Entwicklungen in der Malerei zu diskutieren und – aufs Neue – malend in Gang zu setzten, schenkt uns der Maler seine Sicht auf die Welt: Komplex und konkret, aber von einer Farbigkeit und dynamischen Kraft durchdrungen, die uns in der Betrachtung der Arbeiten heute einen Einblick ermöglicht und uns teilhaben lässt - an seinem Blick auf die Welt.

Meine Damen und Herren, ich danke für Ihre Zeit und wünsche uns allen weitreichende Einblicke und womöglich manche Erkenntnis heute Abend.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Frau Prof. Dr. Kornelia von Berswordt-Wallrabe, Schwerin

 


 

Eine Entdeckung: Gerhart Hein

Mittelbayerische Zeitung 15. April 2013

Das Kunstkontor Westnerwacht in Regensburg zeigt die Werkschau eines öffentlichkeitsscheuen Künstlers der „verschollenen Generation".Von Ulrich Kelber, MZ, 15.4.2013

Regensburg. Eigentlich hätte es schon vor 25 Jahren in Regensburg eine Ausstellung von Gerhart Hein geben sollen. Dr. Werner Timm, der Direktor der Ostdeutschen Galerie, war auf das Werk des in der Nähe von Nürnberg lebenden Künstlers aufmerksam geworden und war davon so angetan, dass er eine Präsentation plante. Aber der misstrauische Gerhart Hein weigerte sich, mit seinen Bildern an die Öffentlichkeit zu gehen.

Erst nach Heins Tod – er starb 1998 in dem zwischen Neumarkt und Nürnberg gelegenen Ort Rummelsberg – begann die Künstler-Tochter Almuth Hein damit, die verborgenen Kunstschätze ans Licht zu holen. 2006 gab es Museumsausstellungen in Bayreuth und Solingen, 2009 wurden einige von Heins Bildern in Schloss Stefling bei Nittenau gezeigt. Und jetzt im Kunstkontor Westnerwacht ist erneut Staunen angesagt über diese wunderbare Entdeckung. Gerhart Heins Bilder sind geprägt von einer starken Farbigkeit und sie sprechen an durch ihre magische Formensprache und durch ihre spannend-rhythmischen Strukturen. Ohne seinen Rückzug in die Verborgenheit hätte Hein im Spektrum der „informellen Kunst" der ersten Nachkriegsjahrzehnte sicher eine beachtliche Rolle spielen können.

So muss man Gerhart Hein zu den Künstlern der „verschollenen Generation" zählen, die durch die Verfemung in der NS-Zeit aus der Bahn geworfen wurden und denen auch später die eigentlich verdiente Anerkennung versagt blieb. Hein wurde 1910 in Breslau geboren (im gleichen Jahr wie Willi Ulfig, den es 1945 von Breslau nach Regensburg verschlug). Hein – sein Vater, ein Eisenbahner, war früh gestorben – wuchs in einfachen Verhältnissen auf.

Durch Kowalski an die Akademie

Sein Berufsziel war Baumeister, so dass er zunächst eine Ausbildung als Maurer absolvierte. Ab 1928 besuchte er die Handwerker- und Kunstgewerbeschule Breslau. Dort unterrichtete der mit dem Expressionisten Otto Mueller befreundete Peter Kowalski. Auf diese Weise wurde Mueller auf Gerhart Hein aufmerksam und holte ihn an die Kunstakademie Breslau, wo prominente Künstler wie Oskar Schlemmer, Alexander Kanoldt, Oskar Moll und Johannes Molzahn lehrten. An der Akademie lernte er auch seine Frau Elisabeth kennen, rebellische Tochter aus einem großbürgerlichen Elternhaus.

Nach 1933 begann für Gerhart Hein eine Zeit der Bedrängnis. Die Aufnahme in die Reichskammer wurde ihm verwehrt, was ein Ausstellungs- und Arbeitsverbot bedeutete. Eines seiner Bilder wurde von den Nazis als „entartet" beschlagnahmt. Die Familie zog sich nach Petersdorf im Riesengebirge zurück, wo Hein sich als Bauarbeiter durchschlug. In den Kriegswirren ging sein gesamtes künstlerisches Frühwerk verloren. 1947 erfolgte dann der Neuanfang in Nürnberg, Hein wurde Zivilangestellter bei der amerikanischen Militärbehörde, für die er unter anderem als Grafiker arbeitete. Als die Amerikaner ihr Engagement 1956 reduzierten und Hein die Übernahme in die neue Bundeswehr angeboten wurde, lehnte er ab und arbeitete lieber als Maurerpolier in der Bauindustrie.

Die künstlerische Tätigkeit blieb auf die Freizeit beschränkt. 1968 brach sie jäh ab mit dem Tod seiner Frau, die ihm wichtige Muse und Impulsgeberin gewesen war. Nur noch theoretisch beschäftigte er sich in den 30 Lebensjahren, die ihm noch verblieben, mit der Kunst, etwa in der Schrift „Die imaginäre Substanz". So lautet nun auch der Ausstellungstitel. Das erinnert an die Maxime von Paul Klee: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar." Auf Hein hat Klee ganz offensichtlich großen Einfluss ausgeübt. Tochter Almuth Hein erzählt davon, dass das erste Buch, das sich ihr Vater nach dem Krieg kaufte, ein Werk über Paul Klee gewesen sei. Unverkennbar ist, dass Hein stark von der Tradition der Breslauer Akademie geprägt blieb. So suchte er wieder Kontakt zu Johannes Molzahn, als dieser 1959 aus dem Exil nach Deutschland zurückgekehrt war.

Vor allem Arbeiten auf Papier

Was scheint nun typisch für Heins Bilder? Nach Almuth Heins Aussagen umfasst der Nachlass „mehr als 500, jedoch weniger als 1000" Werke, darunter nur einige Gemälde, sondern vor allem Arbeiten auf Papier. Neben den leuchtenden Farben fällt vor allem die opulente Fülle und Dichte auf. Auf dem Papier bleibt kein weißer Fleck, schier unerschöpflich ist der Detailreichtum. Und es geht um die reine Abstraktion, nicht um die nur abstrahierende Darstellung konkreter Dinge. Die Formen bleiben nicht diffus und amorph, es gibt klare lineare und geometrische Strukturen: die von einem Baumeister entworfene Bildarchitektur. Kraftvoll und sinnlich wirken die Bilder auch heute noch, 50 Jahre nach ihrer Entstehung. Über sie ist die Zeit nicht hinweggegangen.

Es wäre ungerecht, den Künstler wegen seiner Verweigerungshaltung nur als Eigenbrötler zu sehen. Gerhart Hein war ein traumatisierter Mensch, geprägt durch die Erfahrungen in der Nazi-Zeit. Der biographische Hintergrund macht seine Scheu und seine Skepsis gegenüber der Nachkriegsgesellschaft verständlich.

 


 

Zu Recht im Rampenlicht

Neuer Tag - 8. Juni 2009

Werke von Gerhart Hein aus der Verborgenheit geholt - Vernissage im Steflinger Schloss.

Der Vater hat ihr viel bedeutet. Uns dass sie von ihm alle seine Werke geschenkt bekam, ist für Almuth Hein mehr als eine Verpflichtung. Am Freitag- Abend sprach sie auf Schloss Stefling von einer Herzensangelegenheit. Seit drei Jahren sorgen sie und andere dafür, dass Gerhart Hein, Schüler der Breslauer Schule, der Öffentlichkeit zugänglich sind.

Vernissage auf Schloss Stefling : Hausherrin Gundula Liebisch hatte wieder alles perfekt vorbereitet. Und sie freute sich sehr, die Werkschau von Gerhart Hein präsentieren zu können. Besonders willkommen hieß sie auch den Schweizer Konzertsänger Walter Kirchmeier.Ihn hatte sie in einem Züricher Cafe kennen gelernt. Er habe spontan zugesagt, bei einem solchen Ereignis aufzutreten.

Außergewöhnliches
Mein Vater war ein von den Nazis Verfemter und er musste den Krieg mitmachen. Danach war er, wie so viele andere auch, nicht mehr der gleiche: Almuth Hein erinnerte daran, dass ihm nach der Heimkehr aus der englischen Kriegsgefangenschaft das künstlerische Leben schwer gefallen sei. Er habe zwar wieder gemalt, aber es stets vermieden, seine Werke öffentlich auszustellen. Dessen ungeachtet sei er beim allgemeinen Kunstgeschehen stets auf Höhe der Zeit gewesen. Ab 2002 wollte Almuth Hein hören, was Kenner zu den Bildern ihres Vaters sagen. Und ihr wurde schnell attestiert, das es sich um außergewöhnliche Werke handelt. Zwischenzeitlich waren die Bilder in zwei bedeutenden Museen (Bayreuth und Solingen) zu sehen. Dass sie auf Schloss Stefling präsentiert werden, dafür dankte Hein der Hausherrin. Ein weiterer Dank ging an Dr. Petra Hölscher von der Neuen Sammlung der Pinakothek der Moderne München. „ Sie schrieb für den Katalog und gab mir viele gute Ratschläge".

„Versuch des Erspürens"
Dr. Hölscher hatte 2005 mit der Breslauer Schule promoviert und sie gestand ein: „Ich wollte nach dieser harten Arbeit nie mehr ein Wort über die Breslauer Kunstakademie hören." Es sollte anders kommen. Irgendwann erreichte sie ein Anruf von Almuth Hein, die anfragte, ob ihr der Name ihres Vaters ein Begriff sei.„ Ich wusste gar nichts von Gerhart Hein. Das Kennen lernen des Künstlers fand bei seiner Tochter statt", blendete die Sprecherin zurück. Beim „Versuch des Erspürens dieses Mitglieds der verschollenen Generation" sei letztlich eine klare Vorstellung entstanden. Gerhart Hein habe in der Schaffensphase de Abstraktion seiner Bilder gesteigert und sich ab den 50-er immer mehr mit der Farbgebung auseinandergesetzt." Der Malgrund wurde fast immer zum Mischgrund", konstatierte Dr. Hölscher. Die Werke drückten zudem oft eine „unglaubliche Leichtigkeit" aus.

Arien und Lieder
Den musikalischen Part besorgte Walter Kirchmeier, der auch schon mit Rene Kollo und Peter Hofmann gesungen hat. Sein Repertoire an diesem Abend reichte von Bachs Ave Maria über italienische Arien bis hin zu Liedern von Händel, Schubert und Grieg. Zudem bewies er seine Meisterschaft auf der Altblockflöte. Begleitet wurde der Tenor von der Regensburger Pianistin Annegret Gieseke. Als Lohn für eine großartige Vorstellung gab es lang anhaltenden Beifall.

Die Ausstellung mit den Werken von Gerhart Hein ist noch an den beiden kommenden Wochenenden, samstags und sonntags von 13 und 18 Uhr bei freien Eintritt zu sehen. Almuth Hein steht für Erläuterungen zur Verfügung.

 


 

Gelungene Symbiose von Kunst und Musik

Mittelbayerische Zeitung // 8. Juni 2009

Ausstellung der Werke des Künstlers Gerhart Hein mit einem klassischen Konzert des Baritons Walter Kirchmeier eröffnet.Die Ausstellung auf Schloss Stefling zeigt Werke des Künstlers Gerhart Hein, dessen Leben und Schaffen stark mit der deutschen Geschichte verbunden ist. Hein ist ein ehemaliger Schüler der Kunstakademie Breslau, seine Werke wurden aber mit der Schließung der Akademie 1932 von den Nationalsozialisten als „ Entartete Kunst" eingestuft, was für Gerhart Hein das jähe Ende seiner künstlerischen Karriere bedeutete. Laut Tochter Almuth Hein, die ebenfalls zur Ausstellungseröffnung am Freitag nach Stefling gekommen war und die Werke ihres Vaters noch zu dessen Lebzeiten geschenkt bekam, malte Gerhart Hein auch nach dem Zweiten Weltkrieg unter der amerikanischen Besatzung weiter, jedoch nur noch für sich und unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Die Hauptwerke Gerhart Heins entstanden hauptsächlich zwischen 1950 und 1964 und zeigen sowohl Anknüpfungen an die Breslauer Jahre als auch die Entwicklung einer eigenständigen Farb- und Formensprache. Laut Dr. Petra Hölscher von der Maximilian-Universität in München, die gemeinsam mit Almuth Hein die Werke katalogisiert hat, war der Künstler


sich bewusst, nicht alles so wiedergeben zu können, wie es in natura erscheint. Daher habe er die Stelle wiedergegeben," wofür ihm das Herz der Erscheinung schlug", so Hölscher. Zudem seien die vielen individuellen Farbfelder in Heins Werken zwar eigenständig und in der Lage, eine eigene Welt zu entwickeln, dennoch seien sie laut Hölscher immer noch Teil einer Gesamtkomposition. „Seine Werke haben eine unendliche Leichtigkeit."

In der Pause wurde den Besuchern Wein und Häppchen serviert und es bestand die Möglichkeit, die Bilder von Gerhart Hein aus nächster Nähe zu betrachten. Dabei kümmerte sich Schlossherrin Gundula Liebisch persönlich um die Belange und Wünsche ihrer Gäste, die auch im Anschluss an das Konzert noch die Möglichkeit hatten, in der Schlosshalle oder im Garten zu verweilen und den Abend ruhig ausklingen zu lassen. Abschließend überreichte Gundula Liebisch den beiden Musikern ein kleines Dankeschön für ihren Auftritt. (tkh)